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eigentlich ist schon die tatsache, dass man politisch darüber diskutieren muss, ob zwei menschen, die sich entschieden haben, einen weiten teil ihres lebens gemeinsam zu verbringen, weil sie sich lieben, kinder adoptieren können dürfen problematisch. aber die diskussion zeigt, dass die viel beschworene angeblich gestiegene akzeptanz gegenüber jenen, die nicht in das klassisch heterosexuelle „vatermutterkind“-bild passen, bei weitem noch nicht an dem punkt angelangt ist, an dem sie sein sollte.
mir geht es im moment weniger darum, im bestehenden rechtsmodell eine verbesserung zu fordern. solange die „eingetragene lebenspartnerschaft“ als sondermodell für homosexuell liebende oder begehrende personen nicht in ein gleichwertiges rechtsinstitut, das allein menschen offen steht und damit nicht wieder stigmatisierend ist, überführt wird, halte ich eine adoptionsdebatte nur aus einem grund für sinnvoll: sie scheint mir ein wirklicher lakmustest dafür zu sein, welche vorurteile sich gesellschaftlich gegenüber der imaginierten gruppen „der schwulen“ oder „der lesben“ nach wie vor existent sind.

ich bin frau zypries also dankbar, dass sie die debatte angestoßen hat, denn nun ist es wieder möglich, die wirklich klassischen stereotype in neuer auflage zu hören und zu lesen. ein besonders perfide formuliertes „argument“ war gestern von frau haderthauer, csu, sozialministerin in bayern, zu vernehmen. laut tagesschau.de sagte sie:

„Die Einschätzung des Gesetzgebers, wonach Ehepaarfamilien am besten solche optimalen Bedingungen gewährleisten können, halte ich nach wie vor im Sinne des Kindeswohls für angemessen und richtig.“

mit ehepaarfamilien sind in diesem zusammenhang heterosexuelle zweipersonenfamilien gemeint. kurz vorher wird sie im gleichen artikel mit den worten

Ziel von Adoptionen sei es, für Kinder eine optimale Familie zu finden und nicht umgekehrt

wiedergegeben.
dahinter steckt eine doppelte diskriminierung. erstens: homosexuelle paare (um die geht es hier) wollten kinder aus egoistischen gründen adoptieren. welche das genau sind, bleibt im dunkeln.
ich stelle drei vermutungen an.
vermutung eins: zwei menschen leben zusammen und wünschen sich ein kind. das könnte man in der tat als egoistisch interpretieren, je nach dem, welche gründe hinter dem wunsch nach dem kind stehen. allerdings erscheint es mir fraglich, ob die motivationslage aus der sexuellen orientierung der beiden menschen erklärt werden kann. anders gefragt: wenn sich ein heterosexuelles paar, das aus welchen gründen auch immer keine selbstgemachten kinder hat, ein kind zur adoption wünscht, hat dieses paar dann einen moralisch besser zu bewertenden kinderwunschgrund als ein nicht-heterosexulles, das aus welchen gründen auch immer keine selbstgemachten kinder hat? ist es zum beispiel legitimer, wenn ein heterosexuelles paar, in dem ein teil unfruchtbar ist, adoptieren will als wenn ein nicht-heterosexuelles paar adoptieren will? dahinter steht die klassische und immer wieder bemühte „natur“vorstellung, die entweder biologisch oder religiös verbrämt eingesetzt werden kann.

vermutung zwei: zwei menschen haben in der tat altruistische gründe und finden, dass es arme kinder gibt, die lieber ein liebevolles zuhause haben sollten und nicht im heim leben und wollen daher adoptieren. man könnte sagen, dass es sowas wie nächstenliebe oder solidarität gibt, die hier eine rolle spielt. auch hier vermag ich in der begründung keine unterschiede zwischen heterosexuellen und nicht-heterosexuellen paaren zu sehen: zwei (davon gehe ich im moment der einfachheit halber aus) menschen entscheiden sich, gesellschaftlich etwas sinnvolles zu tun und finden, adoption ist das richtige für sie.

vermutung drei: jetzt wird es spannend, denn: wer sich für eine adoption entscheidet, dürfte vermutlich sehr gründlich darüber nachdenken, ob er ein kind haben will oder nicht. das heißt: ein adoptiertes kind entsteht nicht durch eine vergessene pille, einen unfall oder eben „einfach so“. damit kann zumindest angenommen werden, dass die adoptierenden paare sich sehr genau überlegen, was und warum sie das tun, was sie tun wollen. und das dürfte auf die qualität der familiensituation vermutlich einen positiven einfluss haben. und auch das gilt für sämtliche formen familiärer zusammenhänge, egal, wer da mit wem ein kind erzieht.

die zweite diskrimierung oder besser: unterstellung – ist weitreichender. denn dabei geht es tiefer in die struktur des gesellschaftlichen zusammenlebens. frau haderthauer entlarvt, ohne es zu wollen freilich, einen interessanten zusammenhang. aus dem begehren von menschen in einem westlich zivilisierten land im 21. jahrhundert nicht mehr als bürger zweiter klasse behandelt zu werden (und zwar dann, wenn es um rechte nicht aber, wenn es um pflichten geht), entwickelt die sozialministerin eine polemik: wer gleichberechtigung einfordert, weil er eine „abweichende“ sexuelle orientierung hat, verlangt etwas anstössiges. will so eine person womöglich kinder erziehen, dann geht es dieser person nicht um die kinder sondern nur um sich selber. dieser rhetorische trick wird von dominanten (genauer: hegemonialen) gruppen gerne angewandt, wenn ihnen jene, die sie unterdrücken, an die privilegien wollen. genauso wie es nicht geht, dass die „ehe“ für alle menschen gilt, es für „die“ homos also ein extragesetz gibt, genauso geht das auch nicht mit den familien.
oder anders gesagt: was hier passiert ist eine gesetzliche festschreibung der unterscheidung zwischen heterosexuellen und homosexuellen menschen. dahinter steckt die idee, dass homosexuelle per se andere menschen und per se bestimmte eigenschaften haben (alle), die dazu führen, dass sie nicht auf kinder losgelassen werden sollten – und schon gar nicht da, wo man sie nicht kontrollieren kann – im eigenen heim nämlich. so wird simultan auch das bild der „irgendwie doch abartigen“ neu belebt, auch wenn das nicht explizit gesagt werden muss. auch dieses bild ist ein klassiker in mehrheiten-minderheiten-konstellationen.
so wird eine fiktion die alleinexistenz einer familienform inszeniert, die es empirisch schon lange nicht mehr gibt. denn: wenn ein kind vater und mutter braucht, dann sollte es keinen alleinerziehenden elternteile geben. und mehr männliches personal im primarbereich der bildungsinstitutionen. und so weiter.

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5 Comments

  1. APPLAUS APPLAUS APPLAUS

    meint die Lisabeht

  2. Dem schließ ich mich an. Und die Hadertante kannst getrost vergessen. Die würde bestimmt auch gegen die Erzeuger unehelicher Kinder wettern, aber da würde sie vom Seehofer vermutlich eine auf den Deckel kriegen. Die Frau ist jünger wie ich, aber die Ansichten von der sind sowas von verzopft und altmodisch…btw, wie war das mit dem Patrick Lindner??? Der hat doch auch ein Kind adoptiert, zusammen mit seinem Expartner. Haben wir da mal wieder die angeblich nicht existierende 2-Klassen-Gesellschaft? Oder hätten die nicht dürfen, wenn die Hadertante damals schon was zu sagen gehabt hätte? Wobei, zu sagen hat die eh nix, drum sagt sie ja so einen Haufen Mist 🙂
    Liebe Grüße, Ruth

      • bollwerk
      • Posted Juli 26, 2009 at 1:52 pm
      • Permalink

      danke für deinen kommentar. ich freue mich, dass meine gedanken nachhall finden.
      an einer stelle muss ich leider widersprechen: nicht nur aus bayern kommen homophobe töne. auch volker kauder, der fraktionschef der unionsparteien im bundestag äußert sich ähnlich:

      Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) widersprach der von Zypries angeführten Studie. «Es gibt auch andere wissenschaftliche Erkenntnisse. Volles Adoptionsrecht für Schwule und Lesben widerspricht den Interessen von Kindern.» Er fügte hinzu: «Es geht bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder.» CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt warf Zypries vor, das Thema zu instrumentalisieren. Es mache stutzig, dass sie die Studie jetzt aus dem Hut zaubere; die Adoption sei ein «zu sensibles Thema, um damit Wahlkampf zu machen».

      (der ganze artikel hier)

      leider bleibt unklar, auf welche studien er sich bezieht. ich denke, es handelt sich eher um ein thema, das die unionsparteien zu lasten der gleichberechtigung homosexuell empfindender menschen zu besetzen suchen. von der logik her könnte man auch menschen, die über 1,89m groß sind die adoption verbieten. oder allen, die auf „natürlichem“ wege keine kinder herstellen können.

  3. Hallo Clemens,

    deinen Text muss ich einfach mal unterschreiben. Dieses 2-Klassen-Denken ist doch einfach mal… bah! Manchmal wuerde ich solchen Leuten einfach mal gruendlich den Kopf waschen wollen!
    Liebe Gruesse,

    Steffi

  4. Ein dickes Lob für deinen Text! Leider gibt es immer noch Menschen, die andere Menschen über ihre Sexualität definieren… erst heute habe ich bei der Arbeit eine derartige Diskussion miterlebt (es wurde über einen kleinen Jungen gesprochen in dem Stil „Hoffentlich wird er nicht andersrum“) – furchtbar!
    Aber solche Beiträge wie deiner tragen doch dazu bei, dass es vielleicht einmal anders werden könnte 😉

    LG blueberry


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